Emotion und Sachlichkeit

Die Situation:
Unternehmen A und B starten ein Projekt. Begleitet werden sie durch eine Unternehmensberatung, Rechtsanwälte und nach einiger Zeit der Konflikte nun auch noch durch mich, allerdings erst am 2. Verhandlungstag.  9 Unternehmensberater,  5 Rechtsanwälte zzgl. 2 Unternehmen, die durch insgesamt 14 Menschen vertreten wurden, machte in Summe: 28 Männer. Und ich.

Der Unternehmensberater eröffnete den 2. Tag der Verhandlung u.a. mit folgenden Worten:
”[…] Meine Herren, soweit das Fazit unseres gestrigen Tages. Lassen Sie uns heute ein konstruktives Ende finden, Ihre Emotionen haben Sie hoffentlich bei Ihren Frauen gelassen!”

Die 28 Herren lachten. Noch.
Die Stimmung wurde von Minute zu Minute spürbar angespannter, die Luft dünner, die ersten Spitzen wurden verteilt, die nächsten ließen nicht lange auf sich warten und es kam was kommen “musste”: Die Lager teilten sich zunehmend weiter auf.

Es gibt diese Momente, in denen man einfach zur Tat schreitet. Da steht man ein Stückchen neben sich und kann sich selbst nicht mehr schnell genug stoppen. Und so hatte ich das Vergnügen, mich dabei zu beobachten, wie ich aufstand, mein Sakko auszog, über den Stuhl legte und sagte:
“Es ist jetzt 11:26 Uhr. Um 13.00 Uhr sollten Sie alle wieder hier sein.”
Die Männer sahen mich an, bis nach gefühlten 29 Minuten endlich einer fragte “Was sollen wir machen?”, denn nur so konnte ich antworten:

“Fahren Sie heim und holen Ihre Emotionen, wir brauchen die jetzt hier!”

Es lachte keiner, aber ich hatte zumindest die Aufmerksamkeit. Was ich von mir hörte war das wohl leidenschaftlichste und “bekennendste” Plädoyer der letzten Jahre für Emotionen im Berufsleben, auch und sogar am Verhandlungstisch. Die letzten Monate kamen mir vor wie eine extra boshafte Tour durch einige Unternehmen dieses Landes, in denen es immer und immer und immer wieder hieß:

Keine Emotionen!

Nur zur Betonung: Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, dass man sich “lieben” muss, wenn man zusammen arbeitet. Im Gegenteil, meine Beobachtung ist, wenn die Menschen ein Stück die persönliche Distanz wahren, dass sie dann sehr viel respektvoller miteinander umgehen. Der Umkehrschluss kommt hier leider zur Geltung, denn kaum ist die persönliche Schiene eine “engere”, tun sich Vorgesetzte ihren Mitarbeitern ggü. schwer, haben Kollegen Angst, ein anderes Teammitglied zu kritisieren.

2 Schuhe sind ein Paar!

  • Bleiben Sie sachlich.
  • Konstruktiv bleiben!
  • Wir wollen uns nicht heiraten.
  • Gefühle gehören nicht ins Büro.
  • Immer diese Befindlichkeiten!
  • Ich habe Angst um meinen Job.
  • Ich muss das Projekt hier gut über die Bühne bekommen, sonst ist der Kunde unzufrieden.
  • Wenn diese Verhandlung schief geht, wird das Unternehmen Insolvenz anmelden und ich kann meinen Kredit für das Haus nicht mehr zahlen.
  • Meine Frau ist mit dem 2. Kind schwanger, wie soll ich uns ernähren?

 

Sachlichkeit und Emotionen sind *zunächst* nicht zu trennen, wann akzeptieren wir das? Es ist egal, wo wir uns gerade befinden, im Büro, im Stau, bei der Nachbarin oder im Kindergarten. Wir “wissen”, dass es Situationen gibt, in denen wir darüber nachdenken sollten, was und wie wir es sagen, aber dann gehen sie mit uns durch, die Pferde, die ungeliebten, genannt auch Gefühle.

Emotionen und Sachlichkeit sind sehr wohl zu trennen, zumindest unterschiedlich zu betrachten, wenn wir es endlich schaffen, diese “Pferde” wahrzunehmen und sie zu akzeptieren. Nicht weniger. Zunächst auch nicht mehr.

Schlimmer noch: Je mehr wir versuchen, unsere Emotionen zu unterdrücken, desto präsenter und gegenwärtiger sind sie.
Wir sagen uns “Nein, ich werde hier keine Befindlichkeiten auf den Tisch packen, das gehört nicht in diese Situation, ich bin schließlich Profi.”

Ich behaupte: Wir sind dann Profi, wenn wir anerkennen, dass wir nun mal diese 2 Schuhe tragen: Sachlichkeit und Emotion. Wir sind dann Profi, wenn wir lernen, für uns zu sorgen, in den Situationen, in denen wir vermuten, dass Emotionen schaden.

Profis sind übrigens Menschen!

Und Menschen stehen wir immer gegenüber: Im Büro, im Stau, bei der Nachbarin, im Kindergarten .. und eben auch, wenn wir in den Spiegel sehen!

Hü oder hott?
Wie kommt es, dass wir in Akquisegesprächen uns der Emotionen unseres Gegenübers bedienen und sie (aus-) nutzen, während wir in Krisen- und Konfliktsituationen Gefühle ausschalten wollen?
Die Mutter aller Fragen lautet also: Was machen wir mit den Emotionen in diesen unangenehmen Gesprächen? Mit den eigenen und den der anderen Menschen? Nehmen wir die Füße in die Hand? Kopf in den Sand stecken? Stehen bleiben, aber weg sehen?
Blöd, dass diese Dinger uns aber auch so verfolgen, ganz gleich wo wir uns gerade aufhalten. Akzeptieren Sie das. Ganz gleich, in welcher Rolle wir gerade sind: Gefühle sind da. Punkt!

Sachlichkeit & Emotionen

1. Vergessen Sie die Sachlichkeit, wenn Emotionen hoch schlagen werden Sie diese Schiene nicht befahren können!
Klären Sie die “Gefühle”, lassen Sie Dampf ab! Krempeln Sie die Ärmel hoch, legen Sie die Krawatte ab (ich verspreche: Bei Männern das beste Zeichen, dass sie sich Luft machen!:-)) und hören endlich auf, sich hinter Positionen und dicken Autos zu verstecken.
Früher hätte man sich einen Boxkampf geliefert, heute geht es per Wort, mindestens so gut. Bleiben Sie oberhalb der Gürtellinie, dann ist alles gut!
Verstecken gilt nicht.

Es ist nicht leicht, zu akzeptieren, dass man Emotionen in Gesprächen hat, die “eigentlich” sehr sachlich sein sollten.
Bleiben Sie mutig, stehen auf und sorgen für klare Verhältnisse. Genießen Sie den Moment, wenn Sie spüren, dass Ihnen andere Anwesende folgen, es Ihnen “nachmachen”, mit Ihnen den Weg gehen. Aber einer muss den Anfang machen. Oder Sie beauftragen mich!:-)

2.Eigene Emotion immer vor denen, der anderen Menschen.

Egoisten an die Front? Jein!
Überlegen Sie sich, was Sie brauchen. Das können, so meine Beobachtung, ganz unterschiedliche “Dinge” sein. Es gibt Menschen, die müssen kurz den Raum verlassen. Oder sie beantworten entsprechende E-Mails nach einer Mindestzeit von einer Stunde. Es gibt Menschen, die brauchen ein Glas Wasser oder rufen ihre Freundin an, um bei ihr den ersten “Dampf” abzulassen. Egal, was es ist, überlegen Sie sich, was Sie brauchen. Und dann sorgen Sie dafür, dass Sie es bekommen, denn es wird Ihnen keiner diese Verantwortung abnehmen. Sie sind für sich und Ihre Gefühle verantwortlich, die positiven wie die negativen. Wenn Sie sich das klar machen, dann wissen Sie auch, wem Sie die Macht über sich geben sollten. Und das ist bestimmt nicht Ihr Vorgesetzter, Verhandlungspartner oder Mitarbeiter. Das sind Sie!

3. Klärung – zum Wohle aller Beteiligten!

Was sich liest wie das 3. Kapitel eines “Selbsthilfebuches” ist so simpel wie einfach und lösungsorientiert. Wenn alle Anwesenden wüssten, was sie brauchen und für sich selbst sorgen (was nicht heisst, dass sie das nicht in der Gruppe machen können, sie müssen es nur zunächst wissen und dann den Mut haben, es zu äußern!), dann, und wirklich erst dann, kann man eine emotionsgeladene Situation klären. Man ist bereit, sich den Standpunkt des anderen anzuhören, sich nicht zu rechtfertigen, nicht in die Verteidigungsmasche zu gehen. Man kann anwesend sein, präsent sein, weil man weiß: Ich gebe, was ich selbst brauche! Und selbstverständlich gilt es auch dann für Sie: Es wird Ihnen zugehört, es werden Ihnen Fragen gestellt und man versucht Sie zu verstehen.

Und nun stellen Sie sich mal vor, wenn alles ausgesprochen wurde, was da so an “Pferden” rumspringt, die Ängste, die Sorgen, die Befürchtungen oder was auch immer, stellen Sie sich bitte vor, was dann passiert: Sie können zum nächsten Schuh, der Sachlichkeit!
Es kann geklärt werden, welche Wege es zur Lösung gibt, es werden Alternativen gefunden, es werden konstruktive Vorschläge gemacht, es kann sachlich diskutiert werden.

Und bitte, wundern Sie sich nicht: Es wird sogar gelacht. Es kann wieder eine Stimmung einkehren, die wir in den meisten Fällen als angenehm empfinden, die uns Spaß und Freude bringt, die uns mit guter Laune ins Büro gehen lässt. Wäre nicht schlecht, oder? 🙂

Und immer und immer wieder:  Zwei Schuhe sind ein Paar!

 

(Geschrieben 2008, überbearbeitet 2017)

Weitere Artikel zum Thema Konflikte lesen Sie hier.

Kommentar verfassen